Es gibt Menschen, die schaffen etwas Erstaunliches: Sie müssen gar nicht im Raum sein – und trotzdem können sie uns innerhalb von drei Sekunden auf 180 bringen. 😄 Es reicht schon, wenn wir an sie denken.
An diesen einen Satz. Diese unverschämte Bemerkung. Die Nachricht, die nie beantwortet wurde. Den Kollegen, der sich mit fremden Federn schmückt. Die Freundin, die sich seit Wochen nicht meldet. Oder den Menschen, der etwas getan hat, bei dem wir bis heute denken: „Also DAS war wirklich nicht in Ordnung.“
Und möglicherweise stimmt das sogar.
Nur leider interessiert sich unser Nervensystem herzlich wenig dafür, ob wir objektiv im Recht sind. Während der andere womöglich gerade völlig entspannt seinen Kaffee trinkt, führen wir innerlich zum 37. Mal denselben Prozess: Anklage, Beweisaufnahme, Plädoyer. Urteil natürlich eindeutig. 😉
Und genau hier wird Groll auflösen mit Ein Kurs in Wundern ziemlich interessant. Denn der Kurs sagt nicht: „Du darfst nicht wütend sein.“ Er lädt uns vielmehr dazu ein, genauer hinzuschauen:
Was mache ich gerade in meinem eigenen Geist mit dem, was passiert ist?
Wut ist erst einmal Wut
Fangen wir ganz unspirituell an. Wenn jemand eine Grenze überschreitet, Dich verletzt, enttäuscht oder respektlos behandelt, kann Wut eine völlig nachvollziehbare Reaktion sein. Sie kann Dir sogar wichtige Informationen liefern:
- Hier stimmt etwas für mich nicht.
- Hier wurde eine Grenze überschritten.
- Hier brauche ich Abstand.
- Hier möchte ich etwas klären.
- Hier will ich künftig anders handeln.
Das Problem ist also nicht unbedingt die Wut. Problematisch wird es, wenn aus einer momentanen Emotion ein Dauerabo wird.
Dann kommt der Groll.
Groll ist gewissermaßen Wut mit Langzeitgedächtnis. 😄 Das Ereignis ist vorbei, aber innerlich führen wir es weiter. Wir erzählen uns die Geschichte erneut, stellen uns vor, was wir hätten sagen sollen, und liefern dem anderen in Gedanken noch nachträglich eine brillante Antwort.
Kennst Du diese Gespräche unter der Dusche? Da sind wir rhetorisch plötzlich sensationell. Drei Tage vorher am Telefon fiel uns natürlich nichts davon ein.
Warum wir so schwer loslassen
Psychologisch ergibt das durchaus Sinn. Unser Gehirn versucht, Erfahrungen einzuordnen. Besonders Ereignisse, die uns verletzt oder bedroht haben, bekommen erhöhte Aufmerksamkeit. Wir denken darüber nach, weil unser System verhindern möchte, dass uns so etwas noch einmal passiert.
Grübeln fühlt sich manchmal wie Problemlösung an. Irgendwann ist es aber nur noch Wiederholung.
Wenn Du zum 48. Mal darüber nachdenkst, warum Klaus beim Familienessen diesen bescheuerten Satz gesagt hat, entsteht vermutlich keine bahnbrechende neue Erkenntnis mehr. Dein Denken hält dann lediglich die emotionale Aktivierung am Laufen.
Und jetzt kommt Ein Kurs in Wundern ins Spiel.
Der Kurs stellt eine ziemlich freche Frage
EKIW beschäftigt sich intensiv mit Vergebung. Allerdings meint der Kurs damit etwas anderes als unser übliches „Na gut, Schwamm drüber.“ Und schon gar nicht: „Ich bin spirituell, also darf ich nicht sauer sein.“
Nein. Du darfst sauer sein. Du darfst Grenzen setzen. Du darfst Kontakte reduzieren oder beenden. Du musst niemanden wieder in Dein Wohnzimmer einladen, nur weil Du an Vergebung arbeitest.
Vergebung bedeutet nicht, ein Verhalten gutzuheißen.
Der Kurs richtet den Blick vielmehr darauf, welche Bedeutung wir einem Geschehen geben und wie sehr wir uns daran binden. Denn es gibt einen Unterschied zwischen:
- dem, was passiert ist,
- dem, was wir darüber denken,
- und der Geschichte, die wir vielleicht seit Jahren darüber weitererzählen.
Das Ereignis und unsere Geschichte über das Ereignis sind nicht dasselbe.
„Du hast mich wütend gemacht!“
Diesen Satz kennen wir alle: „Der macht mich wahnsinnig.“ – „Sie macht mich so wütend.“ – „Wegen ihm geht es mir jetzt schlecht.“
Aus Sicht von Ein Kurs in Wundern steckt darin ein Problem: Wir geben einem anderen Menschen damit gewissermaßen die Fernbedienung für unseren inneren Zustand.
Du hast etwas getan – deshalb kann ich keinen Frieden haben.
Autsch.
Denn wenn mein Frieden davon abhängt, dass Du Dich anders verhältst, Dich entschuldigst, endlich einsiehst, was Du getan hast, oder Dich wenigstens angemessen schuldig fühlst, habe ich ein Problem.
Dann hängt mein innerer Frieden bei Dir. Und vielleicht hast Du überhaupt nicht vor, ihn zurückzugeben. 😉
Der Ego-Modus liebt Schuld
Der Kurs beschreibt zwei unterschiedliche Denksysteme: vereinfacht gesagt Angst und Liebe, Ego und Heiliger Geist. Das Ego liebt Schuld. Nicht unbedingt, weil wir schlechte Menschen wären, sondern weil Schuld eine wunderbare Möglichkeit ist, die Ursache unseres inneren Zustands nach außen zu verlagern.
Wenn Du schuld bist, muss ich bei mir nicht mehr hinschauen.
Dann steht fest: Du bist Täter, ich bin Opfer, Fall abgeschlossen. Kurzfristig kann sich das sogar ziemlich befriedigend anfühlen. Langfristig macht es unfrei.
Denn solange ich darauf bestehe, dass Du Dich ändern musst, damit ich Frieden haben kann, bin ich von Dir abhängig.
Genau an dieser Stelle setzt Vergebung im Kurs an. Nicht beim anderen. Bei mir.
Groll auflösen heißt nicht: „War doch nicht schlimm“
Das ist mir besonders wichtig, denn spirituelle Konzepte können missverstanden werden. Dann wird aus Vergebung plötzlich: „Ich bilde mir meine Verletzung nur ein.“
Nein.
Du kannst gleichzeitig anerkennen:
- Das hat wehgetan.
- Das Verhalten war für mich nicht in Ordnung.
- Ich brauche eine Grenze.
- Und trotzdem möchte ich mich nicht für immer daran binden.
Vielleicht brauchst Du ein klärendes Gespräch. Vielleicht eine Konsequenz. Manchmal Abstand. All das kann sinnvoll sein. Nur der innere Krieg ist dafür nicht zwingend notwendig.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: War es schlimm oder nicht? Sondern:
Möchte ich diesen Schmerz weiterhin jeden Tag neu produzieren?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Eine kleine EKIW-Übung für den Alltag
Wenn Du merkst, dass Dich jemand immer wieder beschäftigt, probier einmal Folgendes. Denk kurz an die Person oder Situation und vervollständige ehrlich diesen Satz:
„Ich kann keinen Frieden haben, weil …“
Zum Beispiel:
- weil er mich verlassen hat.
- weil sie mich enttäuscht hat.
- weil er sich nicht entschuldigt.
- weil sie mich nicht versteht.
- weil das einfach ungerecht war.
Und jetzt kommt die spannendere Frage: Ist mein Frieden tatsächlich davon abhängig, dass sich die Vergangenheit verändert?
Denn genau das verlangen wir innerlich manchmal. Etwas soll nicht geschehen sein, obwohl es geschehen ist.
Danach kannst Du einen klassischen Gedanken aus Ein Kurs in Wundern benutzen:
„Ich könnte stattdessen Frieden sehen.“
Nicht: Ich muss jetzt Frieden sehen. Und auch nicht: Ich bin schon wieder spirituell durchgefallen, weil ich sauer bin.
Sondern: Ich könnte.
Da ist eine andere Möglichkeit. Oder noch einfacher:
„Hilf mir, das anders zu sehen.“
Den Satz mag ich besonders, weil Du dafür überhaupt nicht wissen musst, wie die andere Sicht aussehen soll.
Vergebung ist auch Selbstfürsorge
Vielleicht ist das einer der schönsten Gedanken dabei: Du vergibst nicht nur für den anderen. Du befreist Deinen eigenen Geist.
Groll bindet Aufmerksamkeit. Er kostet Energie. Er lässt vergangene Situationen immer wieder in der Gegenwart auftauchen. Und manchmal trägt der andere Mensch längst fröhlich seine Einkaufstüten nach Hause, während wir innerlich noch eine Gerichtsverhandlung gegen ihn führen.
Wer leidet dann gerade?
Genau.
Deshalb kannst Du irgendwann sagen:
„Ich möchte nicht länger dafür bezahlen.“
Das bedeutet nicht, dass Du vergessen musst. Es bedeutet auch nicht, dass Du wieder Kontakt aufnehmen sollst. Es bedeutet lediglich: Diese Geschichte bekommt nicht länger jeden Tag meine Lebensenergie.
Vielleicht liegt genau darin Vergebung
Nicht darin, den anderen freizusprechen, sondern darin, Dich selbst freizulassen. Aus dem ewigen Wiederholen. Aus dem inneren Streit. Aus dem Wunsch, dass die Vergangenheit anders gewesen sein müsste.
Du kannst Grenzen haben und Frieden. Du kannst Nein sagen und vergeben. Du kannst jemanden nicht mehr in Deinem Leben haben und trotzdem aufhören, innerlich gegen ihn zu kämpfen.
Und wenn Du heute noch nicht so weit bist? Dann bist Du eben noch nicht so weit. Auch daraus müssen wir kein spirituelles Großprojekt machen. 😄
Vielleicht genügt für heute dieser eine Gedanke:
Ich muss meinen Groll nicht sofort loslassen. Aber ich kann anfangen zu bemerken, was er mich kostet.
Und dann irgendwann: „Hilf mir, das anders zu sehen.“
Mehr braucht es manchmal gar nicht, damit sich eine kleine Tür öffnet. Und durch diese Tür kommt vielleicht noch nicht die große Liebe für alle Menschen dieser Welt.
Aber ein bisschen mehr Frieden.
Für den Anfang reicht das vollkommen.





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