Der letzte Karton ist raus, die Tür fällt ins Schloss, und dann stehst Du da in Deiner leeren Wohnung. Es hallt. An der Wand ist ein heller Fleck, wo mal das Sofa stand, aber sonst ist da nix mehr. Vielleicht fühlt es sich bei Dir gerade genauso an: Das Alte ist weg und das Neue noch nicht da. Und spätestens jetzt merkst Du, wie schwer es ist, Unsicherheit aushalten zu müssen.
Das muss übrigens kein Umzug sein. Es kann eine Rolle sein, die nicht mehr passt, ein Job, der weg ist, oder eine Beziehung, die zu Ende ging. Vielleicht merkst Du auch, dass Du nicht mehr so gesund bist wie früher. Ein neuer Lebensabschnitt kündigt sich an, der alte hat sich verabschiedet, und Du weißt nicht, wie es weitergeht. Ich nenne das das Vakuum. Das Alte ist ausgezogen, aber das Neue hat noch nicht mal den Schlüssel in der Hand. Du übrigens auch nicht. 😉
Stell Dir mal vor, zwei Menschen stehen in dieser leeren Wohnung. Der eine sagt: „Alles weg. Ich hab nichts mehr.“ Der andere sagt dagegen: „Hör doch mal, wie still es hier ist.“ Dieselbe Wohnung, dieselbe Leere und trotzdem zwei völlig verschiedene Sichtweisen. Für den einen ist es das Ende, für den anderen der Anfang von etwas Neuem.
Deshalb schauen wir heute, warum Unsicherheit aushalten uns so schwerfällt. Und wie es gelingen kann, mal die Brille zu wechseln.
Zwei Brillen für ein und dasselbe Leben
Ich glaube ja, wir haben alle zwei Brillen rumliegen. Vielleicht auf dem Nachttisch, vielleicht irgendwo auf dem Sofa.
Die eine ist die Angstbrille. Wenn Du die aufsetzt, schaust Du durch die Augen Deines Egos. Ich nenne mein Egolein übrigens gern Amy, von Amygdala, der Gefahrenzentrale in unserem Gehirn. Amy sieht überall Mangel, Gefahr und Dinge, die ganz dringend repariert werden müssen. Und zwar sofort. Leere kann Amy nämlich überhaupt nicht gut aushalten.
Die andere ist die Liebesbrille. Durch die schaut Deine Seele. Sie ist leise, warmherzig und total freundlich. Sie sieht genau dieselben Dinge, aber ohne Panik und ohne Drama.

Das Fiese ist nur: Die Angstbrille setzen wir automatisch auf. Morgens, noch bevor Du richtig wach bist, hast Du sie schon auf der Nase. Die Liebesbrille musst Du dagegen aktiv wählen.
Die Lückenfüller-Panik: Warum Unsicherheit aushalten so schwerfällt
Amy denkt im Vakuum nur eins: „Mist, hier ist ’ne Lücke. Die muss weg!“
Drei Minuten an der Supermarktkasse? Handy raus.
Abend ohne Plan? Dann eben Netflix und Chipstüte.
Beziehung vorbei? Ab in die nächste Dating-App.
Job weg? Schnell zwanzig Bewerbungen, egal wohin.
Ich nenne das Lückenfüller-Panik. Amy ist es völlig egal, was Du machst. Hauptsache, Du musst diesen Zustand nicht spüren. Und das ist total menschlich, denn unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit. Deshalb fühlt sich Leere für unser Nervensystem an wie Gefahr.
„Alles Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“Blaise Pascal
Amy ist nämlich überzeugt: Da draußen fehlt etwas. Ein neuer Job, ein neuer Mensch, ein Wohnmobil, ein Garten oder wenigstens eine neue Contentplanung. 😉 Sobald das da ist, wird alles gut.
Aber Hand aufs Herz: Hat das jemals dauerhaft geklappt? Der neue Job ist nach drei Monaten auch wieder nur ein Job. Und die neue Beziehung hat nach einem halben Jahr dieselben Themen wie die alte, also dasselbe in Grün.
Amy hat nämlich ein heimliches Motto: „Such weiter, aber finde bloß nicht.“ Deshalb schickt sie Dich immer ins Außen. Denn würdest Du merken, dass das, was Du suchst, längst in Dir ist, wäre sie arbeitslos. Und arbeitslos will Amy auf keinen Fall sein.
Durch die Liebesbrille: Da fehlt gar nix
Deine Seele, oder Dein höheres Selbst, wie auch immer Du es nennen magst, schaut auf dieselbe Lücke und sagt: „Da fehlt doch gar nix. Da steht nur gerade nichts im Weg.“ Für sie bedeutet Unsicherheit aushalten nämlich nicht, die Zähne zusammenzubeißen, sondern Platz zu lassen.
Denk mal an die Raupe. Bevor sie Schmetterling wird, löst sie sich im Kokon komplett auf. Sie ist keine Raupe mehr, aber auch noch kein Schmetterling. Stattdessen ist sie Brei, total Matsch.

„Was die Raupe das Ende der Welt nennt, nennt der Meister einen Schmetterling.“Richard Bach
Amy schreit: „Katastrophe! Alles kaputt!“ Und Deine Seele sagt ganz ruhig: „Nein, Schätzlein. Die Verwandlung läuft gerade. Vertrau mir.“
Woran Du merkst, dass Du im Vakuum steckst
- „Ich weiß, was ich nicht mehr will. Aber ich weiß nicht, was ich will.“
- Alte Routinen fühlen sich öde und leer an, neue gibt es noch nicht.
- Du bist müde, obwohl Du gar nicht viel tust.
- Jemand fragt: „Und, was hast Du jetzt vor?“ Und am liebsten würdest Du Dich in Luft auflösen.
Wenn Du jetzt genickt hast: Willkommen im Vakuum. Du bist nicht falsch, sondern mitten in einer Verwandlung.
Lass die Handbremse los
Im Vakuum fragt Amy ständig: Was soll das? Warum ich? Wo soll das hinführen? Und weil sie keine Antwort findet, erfindet sie eine. Meistens eine ziemlich düstere: „Das war’s jetzt. Ich hab alles verbockt. Da kommt nix mehr.“
Deine Seele macht dagegen etwas Erstaunliches. Sie sagt: „Gib es mir. Du musst nicht wissen, wofür es gut ist. Ich weiß es.“
Für Amy klingt das nach Aufgeben. Neulich hab ich im Fernsehen eine Folge über ein Paar gesehen, das mitten in der Wildnis von Alaska lebt. Ringsum furztrockene Fichten, Grizzlys und jede Menge Schlittenhunde. Profis kommen, um zu helfen: Sie wollen eine Vorratskammer im Boden bauen, damit die Bären nicht ans Hundefutter kommen, und das Haus mit Stahlplatten schützen, damit es bei einem Waldbrand nicht unterm Popo wegbrutzelt. Und was machen die beiden? Abwehren. „Wir schaffen das allein. Wir wissen es besser.“
Genau so ist unser Egolein. Es weiß es immer besser, auch dann, wenn das Heiligste in Dir viel mehr weiß.
Im Film „Doing Life“ gibt es dazu ein wunderschönes Bild. Zwei Menschen sitzen am Küchentisch, ballen die Hände zu Fäusten und öffnen sie dann ganz plötzlich, mit gespreizten Fingern. Was das bedeutet? „Lass die Handbremse los.“
Die Faust ist die Anspannung, das Festhalten. Und was wäre, wenn Du loslässt? Wenn Du sagen kannst: „Ich weiß nicht, wozu das hier dient. Aber eine Instanz in mir weiß es genau. Und der will ich vertrauen.“
Das ist kein Aufgeben, sondern Hingabe. Und Hingabe macht frei. Denn wenn Du ehrlich zugibst, dass Du es nicht weißt, dann weißt Du auch nicht, dass es schlecht ist. Du hältst nämlich nur ein kleines Puzzlestück in der Hand, vielleicht das mit dem grauen Himmel. Daraus zu schließen, dass das ganze Bild grau ist, wäre doch ein bisschen voreilig, oder?
Leere oder Stille?
Solange Dein Leben randvoll ist mit Terminen, To-do-Listen, Projekten und Sorgen, merkst Du gar nicht, dass da Platz wäre für etwas Größeres. Deshalb kann das Vakuum ein echter Segen sein. Plötzlich ist Platz, um Dich an etwas zu erinnern, das Du nie verloren hast.
Ich bin fest davon überzeugt: In jedem von uns wohnt etwas, das nicht kommt und geht. Licht, Freude, Frieden. Das können wir nicht verlieren, sondern höchstens zudecken, und zwar mit den Plänen und Sorgen des Egos und seiner ewigen Beschäftigkeit. Im Vakuum verrutscht diese Decke vielleicht zum ersten Mal seit Jahren.
Vielleicht ist heute also so ein Tag, an dem Du sagst: „Heute ist ein Tag der Stille und des Friedens. Heute ist die Stille mein Freund.“
Und selbst wenn Amy Dir ins Ohr plärrt: „Jetzt mach doch endlich was!“, sagt Deine Seele: „Nein, Schätzlein. Du musst gerade gar nichts tun.“ Das ist keine Faulheit und kein Versagen, sondern ein wunderbarer Zwischenzustand.
So kannst Du Unsicherheit aushalten: 5 Schritte
1. Benenn es
Sag ehrlich, wie es ist: „Ich fühl mich unsicher. Das ist ein Kackzustand, und ich würde ihn am liebsten sofort füllen.“ Denn was einen Namen hat, macht weniger Angst.
2. Mach den Brillen-Check
Bevor Du Dich in Geschäftigkeit stürzt, frag Dich: Welche Brille hab ich gerade auf? Fühlt es sich eng an, ist es die Angstbrille. Dann entscheide Dich bewusst: „Ich will stattdessen Frieden sehen.“
3. Gönn Dir zehn Minuten Nix
Jeden Tag zehn Minuten: kein Handy, kein Podcast und auch kein Aufräumen nebenbei. Einfach dasitzen und in den Garten starren. Amy wird Dir zwanzig Dinge vorschlagen. Sag einfach: „Danke, Amy. Später.“
4. Setz die Liebesbrille wieder auf
Ratzfatz hast Du die Angstbrille wieder auf der Nase. Das ist normal. Merk es einfach und wechsle noch mal. Ein Satz, der dabei hilft: „Liebe Seele, hilf mir, diese Situation anders zu sehen, damit ich in Frieden sein kann.“
5. Frag die Seele, nicht Amy
Frag: „Was wäre jetzt ein liebevoller, kleiner nächster Schritt?“ Vielleicht ein Spaziergang, ein Anruf, eine kurze Meditation oder eine Notiz. Das passiert dann aus einer ganz anderen Energie heraus. Du wirst ruhiger und bist einfach näher bei Dir.
Wenn das Vakuum nach einem Abschied kommt
Manchmal ist Unsicherheit aushalten noch mal eine ganz andere Nummer. Wenn ein Mensch gestorben ist, wenn er rausgeschlüpft ist aus seinem Erdenkleid, dann ist da plötzlich eine riesige Lücke. Die musst Du nicht füllen, und Du kannst es auch gar nicht.
Was Du tun kannst: Dich an Dein höheres Selbst wenden. „Hilf mir, diesen Schmerz auszuhalten. Und hilf mir, ihn zu verwandeln.“ Und vielleicht flüstert Dir dann eine liebevolle Stimme zu: „Du hast geliebt, und Du liebst immer noch.“ Denn die Liebe wohnt nicht im Körper, sondern in Deinem Geist. Und die kann Dir niemand wegnehmen. Du darfst traurig sein, und trotzdem bist Du damit nicht allein.
Fazit: Da wächst was
Das Vakuum ist unbequem, keine Frage. Unsicherheit aushalten heißt aber nicht, die Lücke sofort zu stopfen. Du darfst Dich daran erinnern, dass Du nie genau weißt, wozu etwas dient, und darfst vertrauen.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“Hermann Hesse
Und dann merkst Du, wie sich dieser leere Raum nach und nach füllt. Nicht mit Lückenfüllern, sondern mit etwas Schönem, das durch Dein Vertrauen und Dein Mitgefühl mit Dir selbst wachsen durfte. Da, wo vorher nur Leere war, wächst plötzlich was. Und zwar genau das, was Du für Deinen Weg brauchst.
Wenn Du noch tiefer einsteigen magst: In meinem Artikel Nichtwissen: Warum Vertrauen erst im Loslassen beginnt geht es darum, wie Vertrauen in solchen Phasen wachsen kann. Und in Loslassen lernen: Was uns „Stirb und werde“ übers Leben verrät schauen wir auf das Ende, das vor jedem Neuanfang steht.
Zum Nachspüren:
- Wo in meinem Leben habe ich gerade so eine Lücke?
- Was ist mein typischer Lückenfüller, wenn ich es kaum aushalte?
Dein Satz für heute: Heute ist ein Tag der Stille und des Friedens.
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Jeanette





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