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Loslassen lernen: Was uns „Stirb und werde“ übers Leben verrät

Loslassen lernen: Was uns „Stirb und werde“ übers Leben verrät

Loslassen. Was für ein wunderbares Wort – vor allem, wenn andere es zu uns sagen: „Du musst einfach loslassen.“ Ach so. Na dann. Problem gelöst. 😄

Wäre Loslassen wirklich so einfach, wie dieser Satz klingt, hätten wir vermutlich deutlich weniger Stress, weniger Liebeskummer, weniger Grübeleien und weniger Angst vor dem Tod.

Stattdessen halten wir an Menschen fest, an Vorstellungen, Lebensentwürfen, Beziehungen. Wir möchten unseren Körper, unsere Jugend, bestimmte Lebensphasen bewahren. Manchmal klammern wir uns sogar an Verletzungen, alte Kränkungen oder Erwartungen, von denen wir längst wissen, dass sie uns nicht mehr guttun.

Warum eigentlich?

Weil Loslassen fast immer etwas mit Verlust zu tun hat. Genau deshalb ist Loslassen für mich nicht nur ein psychologisches Thema, sondern ein zutiefst existenzielles und spirituelles – eine der großen Aufgaben unseres Lebens, würde ich fast sagen.

Loslassen lernen heißt nicht, eine Technik einmal zu üben und dann abzuhaken. Es ist eher wie Zähneputzen: Man macht es nicht einmal richtig und ist für immer fertig damit.

Denn Leben bedeutet Veränderung: Etwas entsteht, bleibt eine Weile und vergeht.

Goethe hat dafür zwei wunderbare Worte gefunden: Stirb und werde.

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Stirb und werde: Wenn Leben Veränderung bedeutet

Was Goethe mit „Stirb und werde“ meinte

Der Ausdruck stammt aus Goethes Gedicht „Selige Sehnsucht“. Keine Sorge, daraus machen wir jetzt keinen Deutsch-Leistungskurs. Mich interessiert vor allem die Idee dahinter: Werden und Vergehen sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.

Häufig kann etwas Neues erst entstehen, wenn etwas Altes seine bisherige Form verliert.

Loslassen lernen beginnt mit einem Blick in die Natur

In der Natur können wir dieses Prinzip überall beobachten. Ein Apfelbaum blüht im Frühling, trägt im Herbst Früchte und wirft später seine Blätter ab. Eine Raupe muss ihre bisherige Form vollständig aufgeben, bevor daraus ein Schmetterling werden kann.

Ich habe jedenfalls noch keinen Baum getroffen, der beschlossen hätte: „Also den Sommer 2024 fand ich wirklich schön, den behalte ich jetzt.“

Das Leben bewegt sich einfach. Es entsteht und vergeht, verändert permanent seine Form und beginnt immer wieder neu.

Nur wir Menschen hätten sehr gerne:

  • den Neubeginn, aber möglichst ohne Abschied,
  • die Veränderung, aber bitte ohne Unsicherheit,
  • das Älterwerden, aber ohne Verlust,
  • die Liebe, aber ohne Verletzlichkeit,
  • das Leben, aber ohne Tod.

Kurz gesagt: das Werden – aber möglichst ohne das Sterben.

Und genau daraus entsteht unglaublich viel Stress.

Loslassen heißt nicht: Ist mir egal

Bevor wir weitergehen, räumen wir mit einem großen Missverständnis auf.

Loslassen bedeutet nicht: „Ist mir egal.“ Es bedeutet auch nicht: „War sowieso nicht wichtig.“ Und schon gar nicht heißt es, einen Verlust möglichst schnell abzuhaken.

Gerade im Zusammenhang mit Trauer begegnet uns diese Vorstellung immer wieder. Irgendwann kommt dieser Satz: „Du musst jetzt langsam loslassen.“

Nein.

Ein Mensch, den wir lieben, ist kein Luftballon.

Trauer braucht keine vorgeschriebene Geschwindigkeit. Und Loslassen bedeutet nicht automatisch, eine Verbindung aufzugeben. Oft geht es darum, dass sich die Form dieser Verbindung verändert.

Ein Mensch kann sterben und trotzdem Teil meiner inneren Welt bleiben. Eine Beziehung kann enden und etwas in meinem Leben hinterlassen. Eine Lebensphase kann vorbei sein und weiterhin zu meiner Geschichte gehören.

Für mich bedeutet Loslassen deshalb nicht: weg damit.

Es bedeutet eher: Ich höre auf, von etwas zu verlangen, dass es so bleiben muss, wie es einmal war.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Warum unser Gehirn am Alten festhält

Psychologisch betrachtet gibt es gute Gründe, warum uns das so schwerfällt. Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit und Bekanntes. Was wir kennen, vermittelt Orientierung – selbst dann, wenn das Bekannte gar nicht besonders angenehm ist.

Deshalb bleiben Menschen manchmal erstaunlich lange in Situationen, von denen sie längst wissen, dass sie ihnen nicht guttun.

Das können Beziehungen sein, Arbeitsverhältnisse, Gewohnheiten oder bestimmte Rollen. Nicht unbedingt, weil wir dort glücklich sind, sondern weil wir wissen, wie diese Welt funktioniert.

Das Unbekannte dagegen hat keine Gebrauchsanweisung.

Du kündigst einen Job, den Du seit Jahren nicht mehr ertragen kannst – und statt Erleichterung kommt zuerst die Panik: Was, wenn ich die falsche Entscheidung getroffen habe?

Eine Beziehung, von der Du längst weißt, dass sie nicht mehr funktioniert, endet endlich – und trotzdem möchtest Du in der ersten Nacht am liebsten zurück.

Die Kinder ziehen aus, wie geplant und erhofft – und das Haus fühlt sich plötzlich fremd und viel zu leise an.

Du gehst in Rente, nach Jahrzehnten voller Termine und Verantwortung – und der erste freie Montagmorgen fühlt sich nicht nach Freiheit, sondern nach Bodenlosigkeit an.

Solche Reaktionen bedeuten nicht automatisch, dass Deine Entscheidung falsch war.

Wahrscheinlicher ist: Dein inneres System hat gerade den vertrauten Boden verloren.

Loslassen erzeugt zunächst Unsicherheit. Unsicherheit wiederum aktiviert unseren Wunsch nach Kontrolle.

Und da sind wir mitten in meinem Lieblingsthema: dem spirituellen Stressmanagement.

Die vielen kleinen Tode unseres Lebens

Nicht jeder Verlust ist sichtbar.

Ein Mensch stirbt, eine Beziehung endet, wir verlieren einen Arbeitsplatz oder ziehen aus einem geliebten Zuhause aus – solche Verluste können wir benennen.

Andere sind viel unsichtbarer und manchmal genauso schmerzhaft:

der Verlust einer Vorstellung.

„Ich dachte, mein Leben würde anders aussehen.“

Dieser Satz kann unglaublich wehtun.

Du warst überzeugt, Deine Beziehung würde halten. Du warst sicher, Du würdest Kinder bekommen. Dein Körper sollte länger funktionieren wie früher. Deine Eltern würden noch viele Jahre leben. Mit 50, 60 oder 70 würdest Du Dich irgendwie anders fühlen.

Und dann irgendwann diese leise Erkenntnis:

Das Leben hält sich nicht an Deinen ursprünglichen Entwurf.

Du trauerst möglicherweise um etwas, das es in dieser Form niemals gegeben hat – und trotzdem ist die Trauer real.

Wenn Rollen verschwinden

Wir können eben nicht nur Menschen verlieren. Wir können auch Zukunftsbilder, Möglichkeiten, Erwartungen und Identitäten verlieren.

Mit „Sterben“ meine ich an dieser Stelle deshalb nicht den körperlichen Tod, sondern die vielen Identitäten und Rollen, die wir im Laufe eines Lebens entwickeln und irgendwann verändern oder aufgeben.

Da war das Kind, das wir einmal waren. Die Jugendliche. Die junge Erwachsene. Später vielleicht die Partnerin, Ehefrau, Mutter, Berufstätige oder Tochter, die sich um die Eltern kümmert.

Die Starke. Die Attraktive. Die Erfolgreiche. Die Unabhängige. Diejenige, die alles im Griff hat.

Unser Selbstbild besteht aus unzähligen Rollen.

Und irgendwann verändert das Leben die Bedingungen: Kinder ziehen aus, Beziehungen enden, Eltern sterben, der Körper verändert sich, der Ruhestand beginnt. Oder Du stellst selbst fest:

Ich möchte diese Rolle überhaupt nicht mehr spielen.

Nehmen wir die Frau, die zwanzig Jahre lang vor allem „Mama“ war – Termine koordiniert, Pausenbrote geschmiert, Kummer aufgefangen hat. Wenn das jüngste Kind auszieht, verschwindet nicht nur ein Zimmer, sondern ein ganzer Alltag, der bislang die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ mitgeliefert hat.

Oder der Mann, dessen Selbstwert jahrzehntelang eng mit seinem Beruf verwoben war und der am Tag der Verrentung merkt:

Ohne Visitenkarte weiß ich gar nicht mehr genau, wer da eigentlich morgens aufsteht.

Und dann erscheint eine der schwierigsten Fragen überhaupt:

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die bin, die ich bisher war?

Genau darin steckt für mich das Stirb und werde.

Eine bisherige Identität darf kleiner werden oder verschwinden. Nicht, weil sie falsch war, sondern weil sie ihre Zeit hatte.

Danach entsteht Raum.

Nur fühlt sich dieser Raum am Anfang selten sofort nach Freiheit an. Meistens fühlt er sich schlicht leer an.

Der Raum zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“

Diese Zwischenphase unterschätzen wir ständig. Am liebsten hätten wir: Altes loslassen – zack – Neues da.

Doch so funktioniert Veränderung fast nie. Es gibt diesen merkwürdigen Raum dazwischen. Das Alte trägt nicht mehr, während das Neue noch nicht sichtbar ist.

Du bist nicht mehr dort, aber auch noch nicht hier.

Unser Kopf findet solche Zustände ausgesprochen lästig und verlangt möglichst schnell Antworten:

  • Wie geht es weiter?
  • War meine Entscheidung richtig?
  • Wer bin ich jetzt?

Um diese Leere nicht spüren zu müssen, füllen wir sie gerne möglichst schnell – mit neuen Entscheidungen, Beziehungen, Projekten oder Aktionismus.

Manche versuchen sogar, wieder zum Alten zurückzukehren. Nicht weil es gut war, sondern weil es wenigstens bekannt war.

Ambiguitätstoleranz: Loslassen lernen heißt auch aushalten

Eine Form von Lebenskunst besteht wohl genau darin, diesen Zwischenraum auszuhalten und nicht alles sofort wissen zu müssen.

Die Psychologie hat dafür einen schönen Begriff: Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit, Unsicherheit, Widersprüchlichkeit und ungeklärte Situationen auszuhalten, ohne sie sofort beseitigen zu müssen.

Spirituell gesagt:

Ich vertraue darauf, dass ich heute noch nicht wissen muss, was aus dem Raum entsteht, der gerade frei geworden ist.

Loslassen ist nicht Aufgeben

Wer Loslassen lernen möchte, muss nicht aufhören zu kämpfen.

Es gibt schließlich genügend Dinge, für die es sich einzusetzen lohnt: unsere Gesundheit, Beziehungen, Gerechtigkeit, Träume, andere Menschen und natürlich unser eigenes Leben.

Nur kann aus einem sinnvollen Kämpfen irgendwann ein Kampf gegen die Wirklichkeit werden.

Ist eine Beziehung beendet, kann ich noch Monate oder Jahre innerlich dagegen kämpfen. Verändert sich mein Körper mit zunehmendem Alter, kann ich jeden Morgen beleidigt darüber sein. Stirbt ein geliebter Mensch, kann ein Teil von mir weiterhin sagen: „Das darf nicht wahr sein.“

Ist etwas Schlimmes geschehen, kann ich mein restliches Leben mit dem Wunsch verbringen, es möge niemals geschehen sein.

Zutiefst menschlich, das alles. Und zutiefst kräftezehrend.

Loslassen beginnt manchmal mit einem winzigen Satz: Es ist, wie es ist.

Der Satz bedeutet ausdrücklich nicht: „Ich finde es gut.“

Er bedeutet: Ich höre für einen Moment auf, mit der Tatsache zu verhandeln, dass es so ist.

Und manchmal beginnt genau dort Frieden.

Warum Vergänglichkeit dem Leben nicht seinen Wert nimmt

Wir Menschen hätten gerne Gewissheit. Wir möchten wissen, wie es weitergeht. Unsere liebsten Menschen sollen bleiben. Ebenso Gesundheit, Zuhause, Sicherheit, Körper und natürlich unser Leben.

Verständlich. Nur ist das Leben kein Besitzvertrag. Wir dürfen vieles eine Zeit lang begleiten: Menschen, Tiere, Dinge, Rollen, Orte und Erfahrungen.

Ein großer Teil unseres Stresses entsteht möglicherweise genau dadurch, dass wir aus „Es ist gerade Teil meines Lebens“ irgendwann machen: „Es gehört mir und muss bleiben.“

Dabei nimmt Vergänglichkeit dem Leben nicht seinen Wert. Sie kann sogar dazu führen, dass wir seinen Wert deutlicher erkennen.

Stell Dir einen wunderschönen Sommerabend vor. Dieses Licht, die Wärme, vielleicht ein Glas Wein oder eine Tasse Tee, Menschen, die Du liebst, sind bei Dir.

Gleichzeitig weißt Du: Dieser Abend geht vorbei.

Macht ihn das wertlos? Ganz und gar nicht.

Wir fotografieren Sonnenuntergänge nicht, obwohl sie verschwinden, sondern gerade deshalb. Menschen lieben wir nicht, weil wir eine Garantie bekommen, dass sie für immer bleiben.

Wir lieben sie mitten in unserer Verletzlichkeit.

Das ist die Zumutung des Lebens – und gleichzeitig seine Schönheit.

Denn Liebe macht verletzlich. Alles, was mir etwas bedeutet, kann ich verlieren.

Die einzige Möglichkeit, Verlust vollständig zu verhindern, wäre, nichts mehr zu lieben. Keine Bindung. Keine Nähe. Keine Bedeutung.

Sicherer, klar.

Aber wäre das noch Leben?

Der Tod als Spiegel des Lebens

Irgendwann führt uns das Thema Loslassen zwangsläufig zum großen Tod, zum körperlichen Sterben.

Er ist vermutlich die radikalste Form dessen, was wir nicht kontrollieren können. In ihm bündelt sich vieles, was uns ohnehin schwerfällt: Kontrollverlust, Unsicherheit und Nichtwissen, Trennung und Verlust, Veränderung, das Ende unserer vertrauten Identität und die Frage, was danach kommt.

Genau deshalb finde ich die Beschäftigung mit dem Tod so lebensdienlich. Nicht, damit wir ständig über das Sterben nachdenken, sondern weil der Tod uns eine ziemlich klare Frage stellt:

Wenn Du weißt, dass Du nicht alles festhalten kannst – wie möchtest Du dann leben?

Für mich ist das ein wesentlicher Teil der Thanatopsychologie:

Der Tod wird zum Spiegel des Lebens.

Was Ein Kurs in Wundern zum Loslassen sagt

An dieser Stelle gehen wir noch eine Etage tiefer. Spirituelle Traditionen stellen seit Jahrtausenden die Frage: Was sind wir eigentlich?

Sind wir ausschließlich dieser Körper? Sind wir unsere Rollen, Gedanken, unsere Geschichte, unser Name, unsere Beziehungen, unser Beruf und unser Besitz?

Oder gibt es etwas in uns, das tiefer liegt? Eine Perspektive, die mich dabei seit Jahren begleitet, stammt aus Ein Kurs in Wundern.

Der Kurs stellt unsere Identifikation mit dem Körper radikal infrage und geht davon aus, dass unser eigentliches Sein nicht das ist, was geboren wird, altert und schließlich stirbt.

Alles, was Formen hat – ein Körper, eine Rolle, eine Beziehung, Besitz – gehört dieser Sichtweise nach zur Welt der Formen. Formen entstehen und vergehen.

Was der Kurs unser wahres Selbst nennt, wird davon jedoch nicht berührt.

Du musst diese Vorstellung nicht glauben. Ich finde ohnehin, Spiritualität wird ziemlich anstrengend, wenn man plötzlich Dinge glauben soll, die man selbst nie erfahren hat.

Spannender finde ich es, die Frage einmal an das eigene Leben zu halten:

Was bleibt von mir, wenn eine Rolle wegfällt?

Ich bin irgendwann nicht mehr Ehefrau – und trotzdem noch da. Ich bin irgendwann nicht mehr berufstätig – und trotzdem noch da. Mein Körper sieht nicht mehr so aus wie mit 25, und trotzdem fühlt sich irgendetwas in mir hartnäckig immer noch nach „Ich“ an.

Der Kurs würde sagen: Dieses „Ich“, das übrig bleibt, wenn Du eine Rolle nach der anderen abziehst wie die Schichten einer Zwiebel, ist näher an dem, was Du wirklich bist, als jede einzelne Rolle es je war.

Aus dieser Perspektive kann auch der Tod etwas von seinem Schrecken verlieren. Trauer und Schmerz über den Verlust einer vertrauten Form bleiben menschliche Erfahrungen. Doch wenn unser eigentliches Sein nicht auf den Körper begrenzt ist, wäre der Tod nicht Auslöschung, sondern das Ende einer Form.

Vergebung als eine andere Tür

Ein Kurs in Wundern spricht in diesem Zusammenhang von Vergebung – nicht im Sinne von „Ich muss darüber hinwegkommen“, sondern als eine Veränderung meiner Wahrnehmung.

Ich höre auf, an einer Vorstellung festzuhalten, die mich vom Frieden trennt.

Damit wird Vergebung zu einer anderen Tür in denselben Raum, um den es beim Loslassen geht.

Spirituelles Loslassen könnte genau dort beginnen, wo ich mich nicht mehr ausschließlich mit all den Formen identifiziere, die sich zwangsläufig verändern.

Klingt erst einmal abstrakt. Ganz praktisch heißt es manchmal nur:

  • Ich bin nicht nur meine Diagnose.
  • Ich bin nicht nur mein Beziehungsstatus.
  • Ich bin nicht nur die Zahl auf der Waage oder im Personalausweis.
  • Ich bin viiiiiieeel mehr als das!

Und in Wahrheit habe ich keine Ahnung von meiner wahren Größe und Schönheit. In diesem Nicht-Wissen liegen Demut und Vertrauen gleichermaßen.

Die Welle festhalten: eine Übung fürs Loslassen

Jetzt verstehst Du vielleicht auch, warum ich das Bild der ZEITWELLEN so liebe. Eine Welle entsteht. Sie hebt sich, bekommt eine Form und vergeht wieder. Keine Welle käme auf die Idee: „Ich möchte jetzt aber so bleiben.“

Das machen eher wir. 😄

Wir möchten bestimmte Momente festhalten. Lebensphasen. Menschen. Unser Aussehen. Gefühle. Vorstellungen.

Doch Leben ist Bewegung.

Wir können die Welle nicht festhalten. Aber wir können lernen, uns mit ihr zu bewegen.

Genau darin steckt für mich die Idee von weniger Stress mit Leben & Tod.

Es bedeutet nicht, keine Angst mehr zu haben. Verlust tut weiterhin weh. Trauer bleibt Trauer. Und natürlich soll uns nicht plötzlich alles egal sein.

Es bedeutet vielmehr, dass wir uns nicht zusätzlich erschöpfen müssen, indem wir von einem sich ständig verändernden Leben verlangen, dass es stehen bleibt.

Eine kleine Übung zum Loslassen lernen

Gibt es gerade etwas in Deinem Leben, an dem Du festhältst?

Einen Menschen, eine Entscheidung, eine alte Verletzung, eine Vorstellung davon, wie etwas hätte sein sollen, eine Rolle, eine Lebensphase oder eine Zukunft, von der Du dachtest, sie würde anders aussehen?

Dann nimm Dir einen Moment und stell Dir ein paar Fragen:

  • Was genau versuche ich festzuhalten?
  • Was befürchte ich, würde passieren, wenn ich es loslasse?
  • Halte ich daran fest, weil es mir guttut – oder weil es mir vertraut ist?
  • Gegen welche Realität kämpfe ich gerade an?
  • Wofür könnte Kraft frei werden, wenn ich nicht mehr so festhalten müsste?

Deine Antwort könnte lauten: Dann wäre es endgültig. Dann verliere ich die Kontrolle. Dann weiß ich nicht mehr, wer ich bin.

Und wenn Du auf die letzte Frage überhaupt keine Antwort hast – macht nichts. Loslassen lässt sich ohnehin nicht erzwingen. Aber Du kannst anfangen zu erkennen, was Dich festhalten lässt.

Und manchmal ist genau das der erste Schritt.

Stirb und werde – immer wieder

Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, besonders gut im Loslassen zu werden. Es reicht schon, wenn wir irgendwann bemerken: Ich halte gerade fest. Dann können wir unsere Hand ein kleines bisschen öffnen.

Nicht alles auf einmal. Nur ein bisschen.

Wir dürfen einen Menschen lieben, ohne ihn besitzen zu können. Wir dürfen unsere Vergangenheit würdigen, ohne weiterhin in ihr wohnen zu müssen. Wir dürfen Pläne schmieden, obwohl das Leben sie verändern kann.

Und wir dürfen leben.

L E B E N.

Mit allem, was dazugehört.

Mit Anfangen und Aufhören. Lieben und Verlieren. Finden und Verabschieden. Werden und Vergehen.

„Stirb und werde“ bedeutet für mich deshalb nicht: Lass alles hinter Dir.

Es bedeutet: Lass das Leben sich bewegen. Denn nichts ist so beständig wie der Wandel.

Und vielleicht dürfen wir dem Leben einfach ein bisschen weniger die Hand um den Hals legen. Sie stattdessen öffnen. Damit etwas gehen darf. Und etwas Neues darin Platz findet.

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