von Jeanette Richter | Dienstag, 5. Dezember 2023 | Seelengeschichten |
Vor Kurzem habe ich mir tatsächlich einen CD-Player gekauft und was soll ich sagen: mit dem Ding lassen sich nicht nur CDs abspielen, sondern sogar Kassetten. Kaaaaassssetttten, das sind die Plastikdinger mit LÜchern in der Mitte.
Und da hab ich doch gleich eine Kassette mit Kinderaufnahmen aus den Jahren 1972 â 1979 eingelegt und hĂśrte meine Eltern, meinen Bruder und mich. Mega!
Da wurde mir bewusst, dass ich wohl schon frĂźher gerne Geschichten erzählt habe. SchĂśn als 5-Jährige plapperte ich drauflos und erzählte und erzählte âŚ
Das habâ ich wohl von meinem good old Daddy;). Er erzählte uns Kindern nämlich auch immer selbst erfundene Geschichten, z. B. die Geschichte vom fliegenden Pfannkuchen oder von der Lampe, die ganz traurig war, weil sie mit ihrem Licht niemanden erfreuen konnte.
Und daher will ich Dir heute erzählen, wie sich das mit dem Nikolaus aus meiner Sicht wirklich zugetragen hat. đ
Also los âŚ
âââ
ZugehĂśrige Podcastfolge
Es war einmal vor langer, langer Zeit âŚ
Neee, fangen wir anders an.
Ich heiĂe Nikolaus. Ich bin ein Mann, der vor echt gaaanz langer Zeit auf Eurer Erde in Myra in der Nähe von Antalya/TĂźrkei lebte. Und da ich es eh nicht so mit Jahreszahlen habe, lassen wir das an dieser Stelle einfach mal weg. Wen kĂźmmert es schon, ob ich 227, 387 vor Christus oder nach Jesus oder wann auch immer geboren wurde, das kann sich ja eh keiner merken.
Aber weiter ⌠ich war ein sehr gläubiger Mann. Ich glaubte an das Gute im Menschen, an Gott und an seine wundervolle SchÜpfung, fßr die ich echt dankbar war. Und wie das damals halt so war, wenn man mit der Kirche was am Hut hatte, wurde ich irgendwann zum Bischof gekrÜnt.
Ăbrigens wurde mein Bruder im Geiste, der auch Nikolaus hieĂ, an einem anderen Ort und 2 Jahrhunderte später â plus minus null â bekannt als Abt von Sion. Daher sind wir in Euren Erzählungen oft ein und dieselbe Person, denn uns beiden lagen die BedĂźrfnisse der Armen und Notleidenden sehr am Herzen. Nur damit Du Dich nicht wunderst!
Nun ja, ⌠in meiner Geschichte und meinem Leben war auch nicht immer alles eitel Freud und Sonnenschein (wie ßbrigens in keinem Leben, aber das nur am Rande). Denn zu meiner Zeit wurde man schon mal echt fies bestraft und in die Daumen gezwickt, wenn man eine andere Meinung vertrat oder nicht so spurte, wie sich die Obrigkeit das vorstellte.
Aber Schwamm drĂźber! Ist ja echt lange her! Die wussten es halt auch nicht besser.
Der Nikolaus und seine 3 TĂśchter
Doch weiter im Text âŚ
Eines Tages hÜrte ich von der Not eines guten Freundes. Seine 3 TÜchter sollten verheiratet werden, aber mein guter Freund hatte leider ßberhaupt keine Knete und das war damals sehr, sehr wichtig, wenn sich TÜchter vermählen wollten, denn ohne Moos war damals wie heute nicht wirklich viel los.
Also beschloss ich meinem lieben Freund zu helfen, doch sollte er davon nichts mitbekommen, denn das war ja Ehrensache. Ich wollte nicht, dass er sich mir gegenĂźber in irgendeiner Art und Weise verpflichtet fĂźhlte.
Deshalb ist es auch heute in Deiner Zeit noch das SchĂśnste Ăźberhaupt, wenn man was verschenkt, ohne sich selbst als âSchenkerâ zu outen. Das hat was!
Kurz und gut ⌠da ich durch meinen Job genug Geld hatte, sah mein Plan wie folgt aus:
Ich beschloss in drei aufeinanderfolgenden Nächten jeweils ein GoldstĂźck durch die Fenster der Mädchenzimmer zu werfen und wie es der Zufall so wollte, traf ich jedes Mal genau in die Stiefel der HĂźbschen. Nein, ich habe nicht durch das geschlossene Fenster geworfen, ⌠ich habâs vorher aufgemacht. đ
Die Mädels machten natßrlich Augen, als sie am Morgen ihre Schuhe anziehen wollten und sich darin ein Goldstßck befand.
Auf jeden Fall freuten sich alle ganz arg und mein Freund konnte seine TĂśchter ohne Probleme verheiraten. Das freute mich sehr und alle waren zufrieden.
Das ist der Grund, warum ihr heute noch jedes Jahr Eure Stiefel am Vorabend des Nikolaustages vor Eure Haus- oder ZimmertĂźr stellt. Denn ihr hofft, dass ich wieder vorbeikomme und Euch auch was in den Stiefel lege. Und meistens klappt das ja, denn mittlerweile habe ich sehr, sehr viele Helfer.
Und eine davon kennt ihr sogar, ⌠ihr nennt sie Christkind. Das ist meine Schwester, die ist auch so drauf wie ich, nur hat sie viel schĂśnere Haare;) Sie hat später aber eine ganz andere âGeschenke-Abteilungâ Ăźbernommen.
Knecht Ruprecht â Treuer Helfer
Auch Knecht Ruprecht war ßbrigens ein sehr treuer Helfer, doch er ist in Euren Erzählungen etwas in Verruf geraten.
Es stimmt gar nichâ, dass er unartige Kinder verkloppte.
Er war eher eine Art âMotivationstrainerâ, wie man in Eurer Zeit sagt, denn er fĂźhrte mit den Kindern ernsthafte Gespräche und hĂśrte sich ihre Sorgen und NĂśte an.
Ja, und das tat dann manchmal etwas weh, wenn ein Kind entdeckte, dass es Angst vor der Dunkelheit hatte oder einfach aus Furcht ein paar echt unschĂśne Sachen anstellte.
Eure Schulen haben das später nur ein bisschen durcheinandergebracht und meinten aus pädagogischen Grßnden eine Bestrafungsnummer draus zu machen. Aber die haben sich einfach nur geirrt, denn irren ist ja menschlich! Jeder darf sich mal irren, auch mal Üfter, vergiss das nie!
Aber Knecht Ruprecht bestrafte niemanden, er war ein echt netter. Also lassâ Dir keine Angst einjagen, wenn Dir jemand was anderes erzählt. Du weiĂt es jetzt besser.
Falls Du Dich nun fragen solltest, wieso das Ganze denn am 6. Dezember stattfindet, so will ich Dir auch das erklären.
Am 6. Dezember habe ich nämlich das Zeitliche auf der Erde gesegnet. Das bedeutet, dass ich an diesem Tag starb.
Aber da ja niemand fßr immer tot ist, macht das ja nichts. Ich wollte das nur der Vollständigkeit halber erwähnen, falls Du Dich gewundert haben solltest, wieso das Ganze am 6. Dezember stattfindet.
Aber es ging noch weiter âŚ
Weil das so ein toller Erfolg war und sich so viele Menschen freuten, habe ich meinem treuen Freund Claas davon erzählt. Der wohnte im hohen Norden in einem echt abgelegenen Teil des Landes, nur Bäume ringsum, Schnee und Geklirre, also fßr mich wäre das ja nix gewesen, aber ihm gefiel es.
Claas und seine Rentierfarm
Und Claas hatte eine riesengroĂe Rentierfarm und benutzte seine Rentiere manchmal wie âSchlittenhundeâ.
Er spannte sie vor seinen groĂen Schlitten und wenn ich mal zu Besuch war, durfte ich auch mitfahren. Das sauste und brauste in den Ohren und die Haare flatterten im Wind und wenn âRed Noseâ, sein Lieblingsrentier einen guten Tag hatte, dann konnte es schon mal vorkommen, dass wir durch die LĂźfte wirbelten.
Das machte einen HeidenspaĂ, kann ich Dir sagen. Ups ⌠apropos Heiden âŚ
Also Claas (ihr kennt ihn heute als Santa Claus oder als Weihnachtsmann, denn den gibtâs wirklich;) war wie gesagt ganz begeistert von meiner Idee mit dem Schenken und wollte dies weiter âausbauenâ.
AuĂerdem hatte er Verwandte in Amerika, die ihn bei seinem Projekt unterstĂźtzen wollten. Die machten dann zwar später ihr eigenes Ding draus, aber egal.
So kam das mit Weihnachten und dem Weihnachtsbaum und den Kugeln und den SĂźĂigkeiten und hohohoooo, aber das war ja mein Nachfolger.
Und egal wo auf der Welt, ob die Leute an Jesus, an Susi oder an Trulla glaubten oder an gar nix, es sollte halt kein Kind an Weihnachten ohne ein Geschenk dasitzen.
Und weil Geld damals wie heute so wichtig erschien, haben sich ein paar schlaue Leute gedacht, dass man die ganze Idee doch auch gut fĂźr Erwachsene nutzen kĂśnnte. Ihr nennt das heute Marketing.
Und so ist Euer ganzer Weihnachtsrummel entstanden, bei dem Eure Eltern und Verwandte durch die Kaufhäuser hetzen, flitzen oder schlendern oder mittlerweile online shoppen gehen. Aber auch das ist vÜllig in Ordnung, solange aus dem Herzen heraus geschenkt wird.
Ganz wichtig: Der Weihnachtsmann ist nur fĂźr die Kindergeschenke zuständig! đ Die Erwachsenen beschenken einander, damit sie nicht leer ausgehen.
Und eins dĂźrft ihr nie vergessen, es fing alles mit mir an, dem Nikolaus.
Und wenn ihr Feste feiert, dann seid ihr bei den Menschen, die Euch am nächsten sind, die Euch lieb haben, auch wenn ihr die manchmal doof findet oder mit deren Ansichten ihr oft nicht einverstanden seid.
Aber das nennt man halt Familie. Und ob ihr sie wirklich sehen kĂśnnt oder nicht ist eigentlich auch egal, denn sie sind ja in Eurem Herzen zu Hause. Heute habt ihr Telefon. Wir hatten damals nur Brieftauben.
Meine Namensvetter
Ach ja, meine ganzen Namensvetter mĂśchte ich an dieser Stelle auch noch herzlich grĂźĂen, denn im Gedenken an mich habt ihr Eure Kinder nach mir benannt. Ihr nennt sie heute Niklas oder Klaus, Nils oder Niko, Nikola oder Nicole und manchmal sogar ganz oldschool Nikolaus. DafĂźr ganz herzlichen Dank.
Nun wĂźnsche ich Dir einen tollen Nikolaustag und vielleicht schenkst Du einfach mal in dieser Woche jemandem was, und sagst demjenigen nichâ, dass es von Dir kommt;) Das macht echt SpaĂ!
Alles Liebe
Deine Jeanette
P. S.: Falls Du Dir einen wirklich schĂśnen Weihnachtsfilm mit Deiner Familie anschauen mĂśchtest, hier mein Film-Tipp: âKlausâ. Kannste bei Netflix gucken;)
von Jeanette Richter | Mittwoch, 30. August 2023 | Seelengeschichten |
Ăberall tĂśnt es von den Dächern: Du musst erst dieses oder jenes tun und dann, ja dann winkt es â das GlĂźck!
Aber hast Du Dich jemals gefragt, ob das rasante Tempo und der ständige Drang nach âMehrâ in unserer modernen Welt wirklich der SchlĂźssel zum GlĂźck ist? Sicherlich hast Du das âŚ
Lass mich Dir eine Geschichte erzählen, die Dich vielleicht zum Nachdenken bringt.
Sie gehĂśrt mit zu meinen absoluten Lieblingsgeschichten (ja ich weiĂ, ich habe sehr viele davon;) ) und kann fĂźr Dich ein echter AugenĂśffner werden, Ăźber das, was im Leben wirklich zählt.
Einige finden, diese Geschichte hätte eine Kehrseite ⌠welche das ist, erfährst Du am Ende dieses Artikel. đ
ZugehĂśrige Podcastfolge
Die Podcastfolge kannst Du Dir hier anhĂśren:
Worum gehtâs?
In der Geschichte âDer zufriedene Fischerâ von Heinrich BĂśll begegnen wir einem einfachen Fischer, der das Geheimnis eines erfĂźllten Lebens kennt, und einem geschäftstĂźchtigen Touristen, der Ăźberall Gewinn und Profit wittert.
Dabei ist der Tourist weder âschlechtâ oder âdurchtriebenâ noch âgierigâ.
Nein! Er ist einfach, wie er ist. Er hat seine Sicht auf die Dinge und mĂśchte dem Fischer nur helfen.
Doch oftmals liegt die Notwendigkeit zur wirklichen Hilfe im Auge des Betrachters und der Fischer verhilft dem Touristen zu einer anderen Sicht auf die Dinge.
Vielleicht hilft sie auch Dir, Deine Lebensprioritäten neu zu Ăźberdenken und Dein Leben an dem auszurichten, was fĂźr Dich wirklich wichtig und bedeutsam ist. Und ja â Arbeit ist es auch und kann es auch sein.
Wer war Heinrich BĂśll?
Heinrich BĂśll (1917â1985) war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur.
Er wurde in KĂśln geboren und wuchs in einer katholischen Familie auf. BĂśll erlebte den Zweiten Weltkrieg und die anschlieĂende Zeit des Wiederaufbaus in Deutschland. Diese Erfahrungen prägten seine schriftstellerische Arbeit und seinen Blick auf die Gesellschaft.
BÜlls Schreiben ist stark von sozialen und politischen Themen geprägt. Er war bekannt fßr seine scharfsinnigen Beobachtungen, wie Du in der folgenden Geschichte vom zufriedenen Fischer sehen wirst.
In seinen Werken setzte er sich intensiv mit den Folgen des Krieges, der politischen Teilung Deutschlands und den sozialen Ungerechtigkeiten auseinander.
Er thematisierte die Verantwortung des Einzelnen, die Moral in der Gesellschaft sowie den Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichen Zwängen.
Seine Hauptwerke
Seine Werke sind oft von einem kritischen und skeptischen Ton geprägt.
Einige seiner bekanntesten Werke, die auch verfilmt wurden, sind
- âBillard um halbzehnâ,
- âAnsichten eines Clownsâ,
- âDie verlorene Ehre der Katharina Blumâ und
- âGruppenbild mit Dameâ.
Auszeichnungen
Heinrich BÜll erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1972 den Nobelpreis fßr Literatur.
Er setzte sich aktiv fßr politische und soziale Veränderungen ein und setzte seine Popularität auch ein, um auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen.
Zeit seines Lebens vertrat er die These, dass der Mensch nicht (nur) lebt, um zu arbeiten.
Alle seine Geschichten haben einen bedeutenden Platz in der deutschen Literaturgeschichte eingenommen und beeinflussen noch heute die literarische Diskussion.
Dabei ist besonders BĂśll´s Geschichte âDer zufriedene Fischerâ ein fesselndes Werk, das tief in die menschliche Natur und die Bedeutung von Zufriedenheit eintaucht.
Er schrieb diese Anekdote 1963 fuĚr eine Sendung des Norddeutschen Rundfunks zum âTag der Arbeitâ am 1. Mai 1963 und diese Erzählung war in den 1970er und 1980er Jahren sogar PflichtlektĂźre an vielen bundesdeutschen Schulen und gilt daher als Klassiker der Zivilsationskritik.
Die Geschichte: Der zufriedene Fischer
(Quelle: BoĚll, Heinrich, Werke: Band Romane und ErzaĚhlungen 4. 1961-1970. KoĚln: Kiepenheuer & Witsch 1994, S. 267-269)
Diese kleine Geschichte bringt uns dazu, kurz innezuhalten und zu ßberlegen, was wirklich zählt im Leben.
Ăbrigens: Im Original heiĂt sie âAnekdote zur Senkung der Arbeitsmoralâ
Sie handelt von einem Touristen, der im Gespräch mit einem Fischer begreift, dass man auch ohne groĂe Karriere glĂźcklich sein kann.Â
Aber lies selbst im Original ⌠los gehtâs!
Der zufriedene Fischer
In einem Hafen an einer westlichen KuĚste Europas liegt ein aĚrmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und doĚst.
Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren:
-
- blauer Himmel,
- gruĚne See mit friedlichen,
- schneeweiĂen WellenkaĚmmen,
- schwarzes Boot,
- rote FischermuĚtze.
Klick.
Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick.
Das sproĚde, fast feindselige GeraĚusch weckt den doĚsenden Fischer, der sich schlaĚfrig aufrichtet, schlaĚfrig nach seiner Zigarettenschachtel angelt.
Aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schlieĂt die eilfertige HoĚflichkeit ab.
Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare zu viel an flinker HoĚflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Tourist â der Landessprache maĚchtig â durch ein GespraĚch zu uĚberbruĚcken versucht.
âSie werden heute einen guten Fang machen.â
KopfschuĚtteln des Fischers.
âAber man hat mir gesagt, dass das Wetter guĚnstig ist.â Kopfnicken des Fischers.
âSie werden also nicht ausfahren?â KopfschuĚtteln des Fischers, steigende NervositaĚt des Touristen.
Gewiss liegt ihm das Wohl des aĚrmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer uĚber die verpasste Gelegenheit.
âOh? Sie fuĚhlen sich nicht wohl?â
Endlich geht der Fischer von der Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort uĚber.
âIch fuĚhle mich groĂartigâ, sagt er. âIch habe mich nie besser gefuĚhlt.â
Er steht auf, reckt sich, als wollte er demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. âIch fuĚhle mich fantastisch.â
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer ungluĚcklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdruĚcken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht:
âAber warum fahren Sie dann nicht aus?â Die Antwort kommt prompt und knapp.
âWeil ich heute Morgen schon ausgefahren bin.â
âWar der Fang gut?â
âEr war so gut, dass ich nicht noch einmal ausfahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen KoĚrben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen.â
Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen auf die Schulter.
Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch ruĚhrender KuĚmmernis.
âIch habe sogar fuĚr morgen und uĚbermorgen genug!â sagte er, um des Fremden Seele zu erleichtern.
âRauchen Sie eine von meinen?â
âJa, danke.â
Zigaretten werden in MuĚnder gesteckt, ein fuĚnftes Klick, der Fremde setzt sich kopfschuĚttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide HaĚnde, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
âIch will mich ja nicht in Ihre persoĚnlichen Angelegenheiten mischenâ, sagt er, âaber stellen Sie sich mal vor, Sie fuĚhren heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus, und Sie wuĚrden drei, vier, fuĚnf, vielleicht sogar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor!â
Der Fischer nickt.
âSie wĂźrdenâ, fährt der Tourist fort, ânicht nur heute, sondern morgen, Ăźbermorgen, ja, an jedem gĂźnstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren. Wissen Sie, was geschehen wĂźrde?â
Der Fischer schĂźttelt den Kopf.
âSie wĂźrden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen kĂśnnen, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren kĂśnnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben. Mit zwei Booten oder dem Kutter wĂźrden Sie natĂźrlich viel mehr fangen. Eines Tages wĂźrden Sie zwei Kutter haben. Sie wĂźrden âŚâ,
⌠die Begeisterung verschlägt ihm fßr ein paar Augenblicke die Stimme,
âSie wĂźrden ein kleines KĂźhlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik. Mit einem eigenen Hubschrauber herumfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben. Sie kĂśnnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant erĂśffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren. Und dann âŚâ
Wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache.
KopfschĂźttelnd, im tiefsten Herzen betrĂźbt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich herein rollende Flut, in der die ungefangenen Fische munter springen.
âUnd dannâ, sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
Der Fischer klopft ihm auf den RĂźcken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat.
âWas dann?â fragt er leise.
âDannâ, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, âdann kĂśnnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dĂśsen und auf das herrliche Meer blicken.â
âAber das tue ich ja schon jetztâ, sagt der Fischer, âich sitze beruhigt am Hafen und dĂśse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestĂśrt.â
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nachdenklich von Dannen.
Denn frĂźher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu mĂźssen.
Aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten Fischer in ihm zurßck, nur ein wenig Neid.

Fazit und die Moral von der Geschicht´
Schlussendlich zeigt diese Begegnung, wie verschiedene Wertesysteme und Lebensauffassungen aufeinandertreffen kÜnnen.
Während der Eine ständig nach finanziellem Wachstum strebt, findet der Andere Zufriedenheit und Ausgeglichenheit im Hier und Jetzt.
In der Einfachheit und im Genuss des Augenblicks.
Es ist eine lehrreiche Lektion Ăźber die Bedeutung von Zufriedenheit und das Infragestellen konstanten Strebens nach dem âMehrâ.
Die Geschichte âDer zufriedene Fischerâ zeigt uns auch die Ironie unserer modernen Gesellschaft.
Während viele hart arbeiten und sich abmßhen, um eines Tages ein entspanntes Leben fßhren zu kÜnnen, ßbersehen sie die MÜglichkeit, bereits jetzt ein erfßlltes Leben zu fßhren.
Der Fischer hat bereits gefunden, was viele suchen: Zufriedenheit und Balance.
Er hat erkannt, dass es nicht immer mehr braucht, um glĂźcklich zu sein, sondern manchmal weniger â weniger Sorgen, weniger Hektik, weniger ständiges Streben.
Stress lass nach
In Bezug auf Stressmanagement ist es wichtig, sich regelmäĂig zu fragen:
âWarum mache ich das alles? Was ist mein Endziel?â
Oft werden wir feststellen, dass wir uns in einem Hamsterrad befinden, das uns nicht unbedingt dorthin bringt, wo wir wirklich hinwollen.
Ein bewusster Blick auf unsere Prioritäten kann uns helfen, uns auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt, und den unnÜtigen Lärm und Stress des Alltags zu reduzieren.
Letztlich lehrt uns âDer zufriedene Fischerâ, dass es nicht darum geht, wie viel wir besitzen oder erreichen, sondern wie wir unser Leben leben.
Was will ich wirklich?
Es geht darum, die Momente zu schätzen, echte Verbindungen und Deine Inspiration zu pflegen und sich Zeit dafßr zu nehmen, was uns wirklich Freude bereitet hat.
In einer Welt, die oft von Stress und Ăberforderung geprägt ist, ist diese Botschaft wichtiger denn je.
Es ist an der Zeit, innezuhalten, tief durchzuatmen und sich zu fragen:
âWas will ich wirklich?â
Und vielleicht, nur vielleicht, ist die Antwort einfacher und näher, als wir denken.
Kritik
Heinrich BĂślls âDer zufriedene Fischerâ wird oft als eine sozialkritische Erzählung gelobt, die die Ungerechtigkeiten und das ungleiche Machtverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufzeigt.
Allerdings gibt es auch einige kritische Anmerkungen zu dieser Erzählung, die ich Dir nicht vorenthalten mÜchte.
Zunächst einmal lässt sich argumentieren, dass BĂśll in seiner Darstellung der Charaktere zu stark in Schwarz-WeiĂ-Malerei verfällt.
Arbeitgeber werden als rßcksichtslose Ausbeuter dargestellt, während die Arbeiter als unschuldige Opfer erscheinen.
Diese Vereinfachung kann dazu fßhren, dass die Vielschichtigkeit der realen Arbeitswelt vernachlässigt wird.
Es gibt sicherlich auch Arbeitgeber, die bemĂźht sind, fair zu handeln, und Arbeiter, die ihre Arbeit nicht mit der gleichen Hingabe ausfĂźhren wie der Fischer in der Geschichte.
Zu pessimistisch?
Des Weiteren scheint BĂśll in âDer zufriedene Fischerâ eine eher pessimistische Sicht auf soziale Veränderungen und den Fortschritt zu vertreten.
Der Fischer entscheidet sich bewusst gegen den technologischen Fortschritt und bleibt in seiner traditionellen Lebensweise verhaftet.
Dies kann als implizite Ablehnung des Fortschritts und der Modernisierung interpretiert werden. Allerdings vernachlässigt diese Sichtweise die Tatsache, dass Fortschritt auch positive Veränderungen mit sich bringen kann, wie beispielsweise verbesserte Lebensbedingungen und Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung.
Macht oder Ohnmacht?
Zudem hat BÜll zwar das Ungleichgewicht der Machtverhältnisse thematisiert, aber keine konkreten LÜsungen oder Perspektiven aufzeigt, wie dieses Problem gelÜst werden kÜnnte.
Doch denke ich, dass das gar nicht die Aufgabe eine Anekdote ist.
Oft wird auch gesagt, dass die Geschichte mit einer Art Resignation des Fischers endet, der sich zurßckzieht und sein Leben in Abgeschiedenheit fßhrt. Und dass dies als ein Aufruf zur Passivität interpretiert werden kann, anstatt sich aktiv fßr Veränderungen einzusetzen.
Dem stimme ich so ßberhaupt nicht zu. Denn der Fischer lebt das Leben. Er lebt nicht, um zu arbeiten.
âDannâ, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, âdann kĂśnnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dĂśsen und auf das herrliche Meer blicken.â âAber das tue ich ja schon jetztâ, sagt der Fischer, âich sitze beruhigt am Hafen und dĂśse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestĂśrt.â
Insgesamt ist âDer zufriedene Fischerâ ein bedeutsames Werk, das wichtige soziale Fragen aufwirft.
Allerdings sollten wir uns bewusst sein, dass es nur eine Perspektive auf komplexe soziale Probleme bietet und nicht zwangsläufig alle Facetten dieser Probleme abdeckt.
Kritisch zu hinterfragen, welche Botschaften und Annahmen in solchen Geschichten vermittelt werden, ist unerlässlich, um ein umfassendes Verständnis der Thematik zu entwickeln.
Also:Â Was denkst Du darĂźber?
Fragen zur Selbstreflexion
- Lebe ich, um zu arbeiten oder arbeite ich, um zu leben? Was denke ich darĂźber?
- Ist meine derzeitige Arbeit wirklich die Arbeit, die mich erfĂźllt und zufrieden macht?
- Wenn nein, wie mĂźsste meine Arbeit dann beschaffen sein, damit sie mich erfĂźllt? Welche Voraussetzungen mĂźssten erfĂźllt sein?
- Hat der Tourist am Ende vielleicht doch recht?
- Was kĂśnnte diese Geschichte fĂźr mein derzeitiges Leben bedeuten?
- Ich mach mir gleich mal Notizen oder schreibe meine Ideen in die Kommentare.
Alles Liebe
Deine

von Jeanette Richter | Donnerstag, 30. April 2020 | Seelengeschichten |
In dieser wundervollen Geschichte geht es um ganz alltägliche Selbstverständlichkeiten, um eine Kuh und einen kleinen Jungen. Und sie rßhrt mich immer wieder zu Tränen, weil auch ich mich durch sie immer wieder ans Wesentliche erinnern lassen darf.
Denn diese Geschichte hilft uns allen, bestimmte âDingeâ unter einem anderen Fokus ganz neu zu betrachten. Sie hilft vielen meiner Klienten im Coaching, zu einer anderen Sichtweise zu gelangen, indem sie ihre Themen und Probleme mal aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Vielleicht kann sie auch Dir helfen âŚ
Viel Freude beim Lesen.
âŚ
Papa, ist das eine Kuh?
âEin Mann sitzt mit seinem 17-jährigen Sohn im Zug. Mit groĂen Augen schaut der junge Mann aus dem Fenster und fragt:
âPapa, ist das eine Kuh?â
Der Vater lächelt und antwortet: âJa, mein Sohn.â
Aufgeregt spricht der Junge weiter: âPapa, diese Blume ist eine Sonnenblume, oder?â Die Antwort lautet wieder: âJa, mein Sohn.â
Viele weitere Fragen folgen: âPapa, ist das ein Lastwagen? ⌠eine Tanne? ⌠ein Hubschrauber? ⌠ein hoher Berg âŚ?â Stets folgt dieselbe Antwort:
âJa, mein Sohn.â
Zwischendurch zeigt der Vater in eine Richtung und sagt: âSchau, mein Sohn, der Vogel ist ein Bussard, dieser Baum ist eine Eiche und dort ist ein Rapsfeld âŚâ
Ein Fahrgast, der den beiden gegenĂźbersitzt, spricht den Vater nach einer Weile an:
âBei allem Respekt, das Verhalten Ihres Sohnes ist doch sehr merkwĂźrdig.â
Gespreizt weist er ihn darauf hin, dass es heutzutage doch sehr gute Kliniken fĂźr Fälle âwie diesenâ gäbe und die Medizin in alle Richtungen groĂe Fortschritte mache.
Der Vater unterbricht ihn: âWie recht Sie doch haben!â, ruft er und fährt freundlich fort: âVon solch einer Fachklinik kommen wir gerade.
Mein Sohn hat vor zwĂślf Jahren sein Augenlicht verloren und kann seit wenigen Tagen wieder sehen.â
Sichtlich beschämt senkt der Mann den Blick.
Nach einer Weile wendet er sich dem Jungen zu: âJunger Mann, ich muss mich bei Dir entschuldigen.â
Und nach einer Pause sagt er noch:
âUnd ich mĂśchte mich bei Dir bedanken. Du hast mir eben aufgezeigt, dass ich viel Wertvolles in meinem Leben gar nicht mehr wahrnehme, weil ich es fĂźr selbstverständlich gehalten habe. Danke.â
Quelle:
Š Gisela Rieger â 111 Herzensweisheiten: Geschichten, Erzählungen und Zitate
âââââ
Dinge, die wir fßr selbstverständlich halten
Ja. Manchmal ist wirklich das Wesentliche fĂźr unsere Augen unsichtbar.
Vielleicht, weil wir zu beschäftigt sind oder mit unseren Gedanken, wo ganz anders. Dann rast die Welt nur so an uns vorbei und wir sehen gar nicht mehr, was um uns herum so vor sich geht.
Diese Geschichte kann zum Innehalten einladen, um vielleicht beim nächsten Mal â im Zug, im Bus, beim Autofahren als Beisitzer â den Blick einmal schweifen zu lassen und aufzunehmen, was da alles um uns herum IST.
Viele wertvolle Momente wĂźnsche ich Dir. Eine weitere schĂśne Geschichte Ăźber das GlĂźck oder UnglĂźck findest Du hier.
Deine
Jeanette